Das Palmerprinzip

Das Palmerprinzip

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Buch und Regie:
Frank Pfeiffer

Kamera:
Andrea Gatzke

Montage:
Catrin Vogt

Musik:
Joh Weisgerber

Ton & Sounddesign:
Oliver Stahn

Produktion:
Alexander Funk, Funkfilme

Koproduktion:
SWR

Förderung:
MFG

Vier rüstige Senioren, wohnhaft in bester Tübinger Halbhöhenlage, sind mit einem festen Vorsatz ins Rathaus gekommen: Die geplanten Parkgebühren am Freibad sind zu teuer und müssen weg. In der altehrwürdigen Residenz sitzt ihnen jedoch ein junger Rathauschef gegenüber, der sich gar nicht von dem angeblich allgemeinen Bürgerwillen beeindrucken lässt: „Glauben sie wirklich, dass wir das Klima irgendwie retten können, wenn jeder rum fahren darf, soviel er will, wohin er möchte und sagt, ich hab zwar alle Viertelstunde einen Bus vor der Tür, aber das ist mir zu beschwerlich und der Parkplatz muss umsonst sein?“ Boris Palmer nimmt kein Blatt vor den Mund, provoziert, schafft sich viele Gegner und doch scheint es genau berechnet zu sein. Bei einer Bürgerversammlungen in der Gemeindehalle wird Palmer von einem Landwirt verbal angegangen: „Herr Palmer! Das, was sie gemacht haben, das wäre nicht zu Stande gekommen, bei ihren Vorgängern. Bei allen nicht! Denn sie haben, was Ortschaftsrat und Gemeinderat usw. demokratisch abgestimmt haben, haben sie blockiert.“ Ist Boris Palmer ein Überzeugungstäter oder ist es wohl kalkuliertes politisches Handwerk? Mit einer unbegrenzten Ausdauer kämpft er für die Sperrung von Straßen, für mehr Radwege und für die Reduzierung des CO2-Ausstoßes. Palmer fährt viel Fahrrad, raucht nicht, trinkt nicht – seine einzige Droge ist die Politik. Boris Palmer wird Ende 2006 mit nur 34 Jahren als Grüner zum Oberbürgermeister der Universitätsstadt Tübingen gewählt. Ein Traum, der seinem Vater, dem „Remstal-Rebellen“ ein Leben lang verwehrt blieb.

Der Film beginnt einige Monate nach dem Amtsantritt im Juni 2007. Über sechs Monate begleitet das Filmteam Boris Palmer in seinem beruflichen Alltag und schlägt dabei einen Bogen zu der Person, die ihn wohl am stärksten zu dem gemacht hat, was er heute ist: seinem Vater.

Helmut Palmer (geboren 1930) wächst in der Nazizeit als uneheliches Kind eines jüdischen Metzgers in der schwäbischen Provinz auf. Nach einer unglücklichen Kindheit als gedemütigter Außenseiter geht er in den 50er Jahren in die Schweiz und findet Arbeit in einem Obstbaubetrieb am Bodensee. Dort erlernt er den Schweizer Obstbaumschnitt – den Öschberg-Schnitt, eine Erfahrung die sein Leben nachhaltig bis zu seinem Tod im Dezember 2004 bestimmt hat.

Nach den Schweizer Lehrjahren kehrt Helmut Palmer in seine Heimat ins Remstal bei Stuttgart zurück und macht sich als Obsthändler selbstständig, um auf den Wochenmärkten der Region seine Waren zu verkaufen. Was ihn aber wirklich umtreibt, ist der Zustand der Gesellschaft: die alten undemokratischen Strukturen die bis weit in die Beamtenschaft hineinreichen, will er verändern. Er kämpft für eine gerechtere und bessere Welt und betreibt Wahlkampf vom Wochenmarkt aus. Über 200 Mal tritt er zu Bürgermeisterwahlen und Bundestagswahlen als Einzelkandidat an. Gewählt wird er nie.

Die Verletzungen seiner Jugend, diskriminiert und angefeindet zu werden, nicht dazuzugehören, sind prägend für Helmut Palmer. Er bleibt Einzelkämpfer, schafft es nie, sich auf Dauer einer Partei anzuschließen – ganz anders als sein Sohn Boris.

Boris Palmer (geb. 1972) und sein Bruder haben schon früh Anteil an den politischen Aktivitäten ihres Vaters. Boris ist als siebenjähriger dabei, wenn der SPD-Mann Jochen Vogel oder Stuttgarts Alt-OB Manfred Rommel mit seinem Vater auf Podien diskutieren. Boris bekommt auch mit, was es heißt, politisch ausgegrenzt zu werden oder als Wahlverlierer durch Presse und Gegner verhöhnt zu werden. Der Vater ist besessen von seiner politischen Aufgabe, auf Kosten seiner Frau und seiner beiden Söhne. Die Familie ist durch die Wahlkampfkosten hoch verschuldet. Es kommt zunehmend zu Differenzen. Boris wendet sich im Laufe der Jahre von ihm ab.

Boris Palmer ist Klassenbester und ein Mathe-Ass. Er schreibt schließlich das beste Abitur seines Jahrgangs in Württemberg. Daraufhin studiert er Mathematik und Geschichte im nahen Tübingen und arbeitet gelegentlich am Marktstand des Vaters auf dem Tübinger Wochenmarkt. Boris Palmer ist ein unscheinbarer Mustersohn. Er hört Bap und die Dire Straits, trägt gerne Sweatshirts mit Aufdruck und Jeans mit zu hohem Bund. Als Oberbürgermeister hat er die langweiligen Sweatshirts gegen einen smarten dunklen Anzug und vorzugsweise grüne oder orangefarbene Hemden eingetauscht – zum Musik hören hat er keine Zeit mehr. Auch sein übriges Privatleben kommt nun zu kurz.

Die Ideale seines Vaters, die Natur zu bewahren, werden für Boris zu einer wichtigen Mission. Er engagiert sich für den Umweltschutz und tritt bei den Grünen ein, wird Landtagsabgeordneter und schließlich Oberbürgermeister. „Der Unterschied zwischen meinem Vater und mir ist allerdings der, dass mich das schließlich in eine Position geführt hat, in der ich selbst wesentliche Entscheidungen treffen kann,“ erklärt der junge Palmer. Für dieses einflussreiche Amt hat er sich viel vorgenommen. Boris Palmer will mit Tübingen den weltweiten Kampf gegen die Klimaerwärmung vorantreiben und zur Klimastadt Nr.1 werden. Der Amtsalltag, die endlos langen und drögen Gemeinderatssitzungen, sowie die gnadenlose Mühle der Beamtenbürokratie lassen ihn sehr schnell auf dem Boden der Realität ankommen – die großen Ziele scheinen unerreichbar. Aber Boris Palmer beweist Ausdauer, er findet Zugang zu den konservativen schwäbischen Dickköpfen, nicht zuletzt wegen der vielen Auseinandersetzungen mit seinem Vater, dem kompromisslosen Quertreiber, der nur die Konfrontation kannte und somit immer wieder scheiterte.

Der Dokumentarfilm „Das Palmerprinzip“ beschreibt das erste Amtsjahr des Bürgermeisterneulings Boris Palmer und ist dennoch kein klassisches Portrait eines etablierten Politikers. Der Film schafft vielmehr einen direkten Einblick in die Hinterzimmer der Kommunalpolitik. Er zeigt einen jungen Protagonisten der mit entschiedener Haltung für seine Ideale kämpft. Dabei wird deutlich wie Boris Palmer in diesem Amt die Möglichkeit gefunden hat, diese wahr werden zu lassen. Um an sein Ziel zu gelangen, ist für Palmer fast jedes Mittel angebracht. Bei einer ungestümen Diskussion mit der Fraktion der Freien Wähler verlässt der Vorsitzende aus Protest den Raum. Palmer gibt sich unschuldig – und doch scheint alles wohl kalkuliert. Später entschuldigt er sich demütig – seinem Ziel ist Palmer trotz allem näher gekommen.
Autoren-Statement:

„Das Rebellenkind“ - der Sohn, der nun mit 34 Jahren das geworden ist, was der Vater ein Leben lang angestrebt und nie erreicht hat – war für mich ein faszinierender Ausgangspunkt für den Film. Dabei interessierte mich auch die Frage aus welchen persönlichen Motiven sich gerade Vertreter meiner Generation gegen Missstände in unserer Gesellschaft einsetzten und wie sie dabei mit dem zu erwartenden Widerstand umgehen. Im Vorfeld erhoffte ich mir, dass bei einem jungen Oberbürgermeister als Protagonist, der Blick hinter die Fassade noch leichter möglich ist, als bei einem etablierten Politiker. Palmer hat uns vertraut. Bis auf wenige Ausnahmen konnten wir dann mit der Kamera auch bei allen heiklen Situationen dabei sein. Während der Dreharbeiten zeichnete sich ab: so wie Palmer als Politiker ist, so lebt er auch als Privatmensch. Dabei standen für mich seine politische Arbeit und die Erforschung seiner Wurzeln, die für seine entschiedene Haltung von Bedeutung sind, im Vordergrund.

Text: Frank Marten Pfeiffer

Die Dokumentation von Funkfilme über Boris Palmers erstes Jahr als Oberbürgermeister entstand in der Reihe Junger Dokumentarfilm zusammen mit der MFG Filmförderung und dem SWR.